Öfter mit Oma reden

In der Sanftheit liegt die Kraft

Gestern rief ich meine Großeltern an. Nach fünf Minuten waren meine Oma und ich in ein Gespräch über Beziehungen und Liebe verwickelt. Ich trug ihre Worte mit mir herum, während ich noch Freunde am Kanal traf und durch den Regen nach Hause lief. Und als ich später am Abend einen verstörenden Nouvelle Vague Film schaute, schoss mir eine Frage durch den Kopf, die einen Erkenntnismoment versprach. 

Während ich mit meiner Großmutter über die Schwierigkeiten von Beziehungen sprach, fiel mir auf, wie unterschiedlich wir über dieselben Dinge sprechen und errrgo denken: über uns, über unsere Mitmenschen. Sie sagte mir: „Weißt du, wir sind ja damals alle so jung zusammengekommen. Man ist noch nicht so fest in sich und dann ist es bestimmt einfacher, zusammenzuwachsen. Und ihr jungen Leute trefft euch viel später und habt länger Zeit, fester in euch zu werden. Aber damit seid ihr auch kritischer und es ist vielleicht schwerer, zusammenzuwachsen, so wie wir das taten.“  

Da hat sie sehr recht und an anderer Stelle lohnt es sich, darüber nachzudenken. Was mich aber viel mehr beschäftigt hat, war, wie meine liebe Omi es gesagt hat. Wenn ich ihre Ratschläge höre, kommt mir das Leben auf einmal ganz leicht vor. Warum bloß? 

Ich habe das Glück, Großmütter zu haben, die mir immer ein gutes und warmes Gefühl geben (wobei, Oma Charlotte…) – das Gespräch endete damit, dass wir uns einig waren, dass ich ein echter Fang sei. Und vor dem Nouvelle Vague Film am Abend musste ich mich nun fragen, wie die Sprache meiner Gedanken mein Ich-Gefühl beeinflusst. Ein lauschiger Abend it was.

Sofort musste ich an einen Artikel aus dem New Yorker denken: „The Rise of Therapy Speak“. Darin beschreibt die Autorin, wie die gewaltfreie Kommunikation der Therapeuten in den Sozialen Netzen um sich greift, und vor allem, wie leichtfertig wir heute klinische Begriffe wie Trauma, Depression, etc. verwenden. Narzisst, seit einiger Zeit everyone’s favorite. Eine Passage muss ich hier zitieren, sie entstammt eh einem viral gegangen Twitter-Post: “Hey! I’m so glad you reached out,” it read. “I’m actually at capacity/helping someone else who’s in crisis/dealing with some personal stuff right now, and I don’t think I can hold appropriate space for you. Could we connect [later date or time] instead/Do you have someone else you could reach out to?” The technical vocabulary, the holding (or not) of appropriate space, did read as slightly unfeeling, but people seemed more annoyed at such a strenuous attempt to avoid a sad pal.”

Ich musste direkt an einen Untermieter denken. Der schrieb mir nach frühzeitigem Auszug: „Letzlich nehme ich dann aber doch alles in Kauf, um auf mein Well-being und meine Gesundheit zu achten. Auch diesen Egoismus kann man kritisieren.“ Nicht, wenn es um mental health geht! 

Zurück zu mir, deren Gehirn sich natürlich unter dem Einfluss dieses Lingo windet und neu vernetzt.

Mir fiel auf, wie sehr ich Label für meine Gefühle finde, Gedanken und Emotionen mit einem Etikett versehe, wie in der Wissenschaft: Man muss eine Sprache und Begriffe finden, die alle dieser Disziplin verstehen. Oder die eine Instagram-Community versteht. Oder die man in einer Therapie verwendet – letzteres fällt ja immer mehr zusammen. 

Meine Therapeutin hat mir die Psychoanalyse mal so erklärt: Man betrachtet die Seele und versucht eine Sprache und Etikette für die Seelenlandschaft zu finden. Wie eine Kartografie. In der Therapie wie im echten Leben kommt es auf die gemeinsame Sprache an. Und manchmal, wenn wir uns nicht verstehen, dann, weil wir noch nicht die Sprache der anderen verstehen. Von daher ist es immer wichtig, sich auf Begriffe zu einigen. Das musste ich kurz für mich festhalten. 

Allerdings frage ich mich in letzter Zeit, welche Folgen dieses Labeling für mein Nachdenken hat. Mit meinen Freundinnen diskutiere ich über Kaffee, Wein und Limo über unsere Grenzen und Bedürfnisse, über Dynamiken und Vibes, was wir auf unsere Dates projizieren oder sie scheinbar auf uns, wir sind getriggert von diesem und jenen, wir kennen unsere inneren Konflikte, wir arbeiten an uns, um uns weniger an der Welt abzuarbeiten. Letztens gratulierte ich einer Freundin zu ihrer gesunden Beziehung und fühlte mich danach irgendwie selbstentfremdet. Dann dachte ich über meine eigenen toxic relationships nach. Wir gehen dann: ins Gespräch, treten in den Dialog mit unserem Konfliktpartner. 

Ich glaube, mich setzt diese wissenschaftliche Etikettierung auf Distanz zu meinen Konflikten. Alles ist so abstrakt: Der Selbstwert, das Selbstbewusstsein, die Grenzen – ein übergeordneter Begriff für einen ganz individuellen Konflikt (schon wieder: individueller Konflikt!). Höre ich – oder sage ich mir selbst: “ Du ein Problem mit deinem Selbstwert“, zieht sich in mir alles zusammen. Sagt aber Oma „Ach, da ist man mal unsicher und dann muss man sich ein bisschen Ruhe nehmen und überlegen, wer man ist“, fühlt sich das viel wärmer und leichter an. Viel passender zu dem, was ich wirklich fühle. Schließlich fühlt man nicht das theoretische Konzept Selbstwert, sondern die Unruhe, die Richtungslosigkeit. Damit will ich die Nützlichkeit dieser Begriffe keineswegs anzweifeln. Ich will mir eigentlich nur sagen: öfter mit Oma reden.

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