Für mehr Platz

Der Feminismus avanciert ja bekanntlich in Wellen, und diese Bewegung, wie könnte es anders sein, wiederholt sich auch im Privaten.

Neulich lauschte ich sehr aufmerksam der Illias (für Kinder?) und hielt plötzlich wütend inne. Paris schenkt Aphrodite den ollen Zankapfel, damit diese ihm die schönste Frau der Welt geben wird – die schöne Helena, leider schon an Menelaos vergeben. Da man ihre Schönheit schon mit 15 Jahren in voller Blüte die armen Hellenen blendete, fürchtete Menelaos natürlich um sein Gut. Also schlägt Odysseus vor, jeder Freier um Helena möge die Wahl anerkennen und Meneleaos zur Hilfe kommen, falls ihm jemand die Frau wegnehmen will. Und so zettelt Paris mit seinem Raub den Trojanischen Krieg an. Mutlos kämpft er gegen die Griechen und als es ihm zu viel wird, flüstert Aphrodite ihm ins Ohr: „Ruh dich aus, neben deiner schönen Frau.“ Das beruhigt ihn wahrscheinlich. Unterdessen kämpfen alle weiter, denn wer siegt, soll Helena haben, und das wollen natürlich alle.

Helena kommt nicht zu Wort. Es geht ja nicht um sie! Eine Stimme hat sie nicht und braucht sie nicht, ihre Schönheit ist ihr Wert, um den sie alle beneiden. Man fragt sich: wie es mit Helena? Betet man ihre Locken an, leckt ihre Füße und riecht an ihren Rosenduft-Achseln? Wahrscheinlich lacht sie den ganzen Tag und ist überhaupt sehr reizend, selbst wenn sie einen wütenden Schmollmund zieht. Sie isst niemals zu viel, und wenn doch, dann ist es okay, denn sie ist ja schön, dann darf man mehr. Und würde Helena schreien, sie hätte keine Lust mehr auf Menelaos? Man würde ihr über den Kopf streichen, ihr das Gefühl geben, sie wäre bedauernswert. Sie würde weinen und ihre Wut nach innen kehren. Und so vererbt sie ihr Schicksal weiter, ein Fundament der europäischen Kultur und alle Frauen, die nicht gar so schön sind, müssen noch hässlichere Erfahrungen machen.

Was ich da so selbstverständlich über Paris und Helena hörte, trat in mir eine Welle der Entrüstung los. Während ich in den Tagen nach meiner Illias-Erfahrung so durch die Straßen lief und auf mich, mein Leben und die Frauen und mich herum schaute, empörte mich die Passivität, in die man uns drängt mit einer Wucht, die ich vorher nicht gekannt hatte. Wahrscheinlich musste ich vorher anderes durchleben, um zu diesem Punkt zu kommen (mich beispielsweise fragen, ob Beine rasieren nun feministisch ist oder nicht, das ist zum Glück überwunden).

Da wären zum einen Dates. Ich kann nicht sagen, welche intimere männliche Begegnen mir nicht gesagt hätte, ich sei süß (schön übrigens nicht). Vielen Dank auch, aber was ist denn bitte süß? Ein Kind und ein kleines Hund sind süß. Sicher ist auch mal ein Lachen oder eine Aussage süß, weil naiv, unbeholfen. Süß ist besser als ein wütendes Schreien und garstiges Genervtsein. In Flirts nahm ich bisher bereitwillig die Rolle der süßen holden Maid ein und tat ein bisschen naiver, als ich war. Sicher, sicher, mehr innere Stärke und Selbstüberzeugung hätten mich bestimmt davor bewahrt. Doch irgendwie habe ich nichts anderes getan, als mich in meiner Unsicherheit in die Rolle zu flüchten, die man Mädchen und Frau bereitwillig geschneidert hat.

Plötzlich fiel mir auf, dass man mir als Heranwachsende oft das Gefühl gegeben hatte, ich wäre ein bisschen dumm, weil ich nicht gut in Mathe war und Mode mochte. Und wenn ich gerne Bücher las und schüchtern war, sollte ich mehr aus mir herausgehen und nicht so viel nachdenken. Ich weiß nicht, wann es anfing, dass ich mir nur noch wenig Raum zugestand. Mir nicht zugestand, nach mehr zu fragen, mehr zu sein, mehr Raum einzunehmen, meine Emotionen zu durchleben. Meine Wut für Traurigkeit hielt (süß: man wird getröstet). Wann ich anfing, meine Hand am Buffet nicht zu fordernd auszustrecken, nie zu viel zu sein. Als ich lieber wenig als mehr sein wollte und brav meinen Sport machte und Joghurt aß.

Langsam ersticke ich in diesem gläsernen Sarg, in dem man als Frau der Welt begegnen soll.

Ich habe keine Kraft und Lust mehr, mich zurückzuhalten. In einer besonders stressigen Zeit letztes Jahr hatte ich so viel abgenommen, dass ich aussah wie ein Kind. Ich will aber eine Frau sein. Zum ersten Mal seit über fünf Jahren werden meine Hosen enger. Das finde ich sehr gut. Letztens las ich dieses Interview im Zeitmagazin. Das Model Paloma Elsesser sagt darin an einer Stelle: Einige Frauen müssen in ihrem ganzen Leben nie die Erfahrung machen, in ein Kleidungsstück nicht hineinzupassen. Aber wenn man das schon so früh erlebt, bekommt man ein dickeres Fell. Als meine Freundinnen die Pubertät durchmachten, hatte ich das praktisch schon hinter mir. Mir war bereits klar geworden: Ich werde nie dünn sein, und falls doch, dann weil ich meinen Körper nicht gut behandelt habe.

Ich weiß nicht, wie gut ich mich und meinen Körper bisher behandelt habe. Vielleicht würde ich nicht so anders aussehen, mich aber anders fühlen, wenn ich mir den Raum zugestehe, von dem ich glaube, man würde ihn mir verweigern. Und ist das auch so? Mal sehen.

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