In einem Wald voll Bäumen leben

und gleichzeitig aufs Meer schauen

Ich bewundere Menschen, die in aller Ruhe ihre Zeit einteilen, ohne große Traurigkeit darüber zu verlieren, dass sie den Tag nun drinnen verbringen müssen, oder dass sie an einen nur minder sinnvollen Sprachkurs über Zoom ihre Zeit verlieren. Oder dass sie in Seelenruhe Kurzgeschichten und Artikel schreiben, nebenbei Paris erkunden und gleichmütig ihre Uniaufgaben erledigen – ich könnte diese Person sein, fühlte ich mich nicht ständig getrieben wie ein armes Tier auf einer Hetzjagd! Immer bleibt zu wenig Zeit für die eine Sache und müsste man nicht eh…alles ganz anders machen?

Nachdem ich die letzten Wochen über diesem Thema gebrütet habe, bin ich zu einigen Schlüssen gekommen und fühle mich nun verhältnismäßig zen.

Ich habe stillschweigend meine Mitbewohnerin beobachtet. Eine überaus soziale Person, die sich in mehreren Projekten ehrenamtlich engagiert, einen Psychologiemaster ablegt, hier und da Kolloquien besucht und eigentlich, wie ich, in Paris ist um ein Erasmus zu machen. Und nach diesem und jenem Call schwebt sie abends aus ihrem Zimmer, isst fröhlich mit uns zu Abend und entschuldigt sich dann, weil sie noch an einem Paper schreiben muss. Gegen zwölf höre ich sie dann noch kurz mit einer Freundin telefonieren. Sie macht auch Yoga, geht laufen und ist stets bestens informiert.

Nach eingängiger Beobachtung und Abgleichung mit meinen Zwängen, kam ich zu dem erneuten Schluss, dass gerade Menschen, die viel zu tun haben, häufig sehr gut drauf sind. Irgendwo und irgendwann hat Rilke mal gesagt, dass Arbeit Glück sei. Das unterschreibe ich sofort, denn habe ich zu viel Zeit, geht es mir tendenziell schlechter. Was aber haben diese Menschen, was ich nicht habe? Betrachten wir die Ruhe in Person im Zimmer nebenan. Sie scheint gekonnt die Balance zwischen Arbeit und Vergnügen zu halten. Mich beschleicht die Ahnung, dass es sich um Gelassenheit handelt.

Ich verspüre selten Gelassenheit. Habe ich mehrere unterschiedliche Dinge zu erledigen, wie wohl jeder Mensch, beschleicht mich eine leise Panik und ich muss mehrmals tief durchatmen. Ich verfasse daraufhin unermüdlich Listen, auf denen ich die unnötigsten Dinge notiere, anstatt sie einfach direkt zu erledigen. Somit lebe ich in einem unangenehmen Limbo, das Nichtstun die Angst vor dem Tun. Ich sehe gerne den weiten Horizont, eine einzige Erledigung an einem strahlenden Himmel der Klarheit und Ordnung. Leider sieht der Alltag anders aus – und was heißt schon leider: Das Leben wäre schrecklich langweilig, gäbe es keine Turbulenzen, keine Menschen zu treffen, Texte zu schreiben, Recherchen zu machen, Kuchen zu backen, Runden zu laufen, Urlaube zu planen, Vokabeln zu lernen, Gläser zu heben, Schuhe zu kaufen… Meine Mitbewohnerin scheint besser als ich in dem Wald voll Bäumen zu überleben, der allem Anschein nach – das Leben ist.

Somit lebe ich in einem unangenehmen Limbo, das Nichtstun die Angst vor dem Tun. Warum eigentlich Angst? Ich verspüre keine Angst vor Dingen, die zu erledigen ich mich für fähig halte. Ich kann beispielsweise sehr gut offizielle und inoffizielle Telefonate führen, Grammatiktests machen und zu Hermann Hesses künstlerischem Nachwirken recherchieren. Wenn ich es mir recht überlege, befällt mich die Angst nur, wenn es sich ums Schreiben handelt – was ich am liebsten tue, was am meisten mit mir zu tun hat und ich, Widerspruch, viel seltener tue als ich möchte (und mir guttut?) Es ist Perfektionismus, der mich vom Schreiben abhält. Ah, der Perfektionismus. Ein unschöner Zwang, der mir süffisant Selbstzweifel einbläut. Eine Freundin und ich waren uns nach dieser meiner Feststellung einig, dass wir ihn vorerst loslassen wollen. Der Tag an dem ich nichts anderes zu tun habe, als zu schreiben, wird nie kommen. Nicht nur, weil, wie oben beschrieben, auch andere Dinge erledigt und gelebt werden wollen, sondern auch, weil ich an diesem Tag eh nicht schreiben könnte. Zu groß der Druck, etwas einzigartiges hervorzubringen, was im besten Fall eh nur mittelmäßig wird. Also schriebe ich überhaupt nicht und bekomme eine Krise.

Wann habe ich verlernt, mir Entwicklung zuzugestehen, mich selbst auszuprobieren? Denn der Weg ist doch das Ziel, nicht wahr? Und solange ich noch studiere und einen Job habe, sollte ich Zeit und Rahmen nutzen, um diesen Weg entlangzutänzeln.

Zugegeben nur ein Baum. Und so viel Weite, wie ich gerne immer hätte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s