Über Bezahlen mit Bargeld

Vor wenigen Wochen verlor ich mein Portemonnaie. Ich glaubte es geklaut. Seitdem man mir auf dem Weg nach Paris den Koffer aus dem Zug geklaut hatte, war ich gezwungen, der Welt mit Misstrauen zu begegnen. Außerdem verdächtigte ich mich selbst der Leichtsinnigkeit: wohl überlegt, jedoch naiv, hatte ich meine hübsche, braune Geldbörse kess in meine hintere Hosentasche gesteckt hatte – das nicht etwa, um den Dieb herauszufordern, sondern im Gegenteil: Es kam mir besonders schlau vor, meinen Hintern von meinem Mantel bedecken zu lassen anstatt jeder Hand mit den Untiefen meiner Manteltaschen Willkommen zu heißen. Übrigens fuhr ich auf dem Fahrrad nach Hause, mit Geld am Gesäß. Grand Merci !! an dieser Stelle an die pflichtbewusste Finderin!  !!

Der Moment, als ich den Verlust feststellte, war sehr unangenehm. Ich kam mit vollen Taschen vom Markt und wollte bei Franprix meine letztens Cents für Milch, Feta und Zitronen ausgeben, die mein Lieblingsverkäufer dann für mich an der Kasse verwahren musste. Ich rief meinen Vater an (noch immer so sehr auf die Eltern angewiesen!), sperrte alle Karten, kratzte mein Bargeld hervor und war mittelmäßig genervt.

Doch nachdem mich in Paris einiges an Pech ereilt hat, begegne ich solchen Schicksalen mit erzwungenem Schulterzucken. Ich lehnte mich zurück und trank Kaffee in der Sonne und entschied, dass die Zitronen für meinen Alltag am wichtigsten waren und bezahlte sie mit dem Bargeld, das mir blieb. Für die folgenden Wochen versorgten mich meine netten französischen Bekanntschaften mit frisch gedruckten Scheinen. Ich fand Gefallen daran. 

Mein Verhältnis zu Geld ist schwierig. Als ich auszog dachte ich, nun für eine sehr lange Zeit als arme Kirchenmaus vegetieren zu müssen und stellte dann erschrocken fest, dass sogar der Staat Geld für mehr als mein täglich Brot vorgesehen hatte – und meine Eltern auch. Meine Eltern wuchsen in der DDR auf und studierten nach der Wende unterstützt von dem Erbe, das die meisten Ostdeutschen haben, nämlich keins. Als Studentin sei man arm, wurde mir gesagt und arm hieß für mich: nichts zu essen. Es viel mir für mindestens zwei Jahre sehr schwer mir einen Reim darauf zu machen, dass ich theoretisch Artischockenherzen und Parmesan bei Edeka kaufen, und denselben Tag noch in einem Restaurant mit weißen Tischdecken beenden könnte. Ich bezahle in solchen Situationen und überhaupt stets mit der Karte und traue mich hin und wieder für einige Tage nicht, auf mein Konto zu schauen. Nun, da ich einen Job an der Uni und hin und wieder ein lausiges Honorar für eine Romanrezension erhalte, habe ich mich etwas entspannt. Ich habe gelernt, dass es so etwas wie Notwendigkeit und Vergnügen gibt und beide ihren berechtigten Wert haben. Und dass man als Studentin zeitweilig gut im Vergnügen überlebt, denn man ist ja nur für sich selbst verantwortlich. Aber noch immer frage ich mich, wie mit so vielen Dingen, wie man es eigentlich tun soll, mit dem Geld. Wie viel sparen? Überhaupt sparen? Oder nicht schon längst… investieren?

Ein Leben mit Bargeld hingegen ist ein ruhiges Leben, um nicht zu sagen: ein achtsames Leben. Es ist wie mit vielen Dingen aus der analogen Welt – die Haptik eines Geldscheins, eines Briefs, eines Tastentelefons, bringen eine angenehme Entschleunigung mit sich. Schon wieder abgeschmacktem Trendtalk. Doch tatsächlich: ein Leben mit Bargeld ist ein Leben mit Pausen und bewussten Käufen. Das sind Luxusfreuden. Dass sich eine ungeahnte Zufriedenheit bei mir einstellte geschah nur, weil ich unter normalen Bedingungen ganz unbewusst durch die Regalmeter hetzen kann und was ich will in meinen Korb pfeffern könnte, plus ou moins, und davon total überfordert bin. Nun musste ich mich fragen, ob man den letzten Fünfer lieber für das Carrefour-Bio Müsli-Schoko oder Wildbeere ausgibt, oder beide nimmt, und den Tee bleiben lässt. Wenn man sich das Geld Anfang der Woche einteilen muss, weil man Ende der Woche einen Architekturführer kaufen will. Wenn man doch zu viel ausgibt, weil man dringend einen Crêpe braucht und eine Lösung gegen eine Augenentzündung unerwartet zwölf Euro kostet, ist eine erneute Geldlieferung wie ein kleines Weihnachten, weil man sich wirklich gut überlegt hat, dass man diesen Architekturführer braucht – und plötzlich ist es ein großer Vorteil, dass die ebenfalls verzaubernde Haptik von Kaschmir und Seide durch Covid vereitelt wird.

Ich habe mal irgendwo gehört, dass die Psychoanalyse sich auch frage, ob man bspw. unbewusst (unterbewusst?) sein Portemonnaie zu Hause vergisst, weil man das Mittagessen mit dem nervigen Kollegen lieber anders verbringen würde. Wie mit so vielen Fragen der Psychoanalyse bin ich mir auch in diesem meinem konkreten Fall nicht sicher, doch halte ich es, als permanent überforderte Millenial, für nicht ganz ausgeschlossen, dass ich demnächst mein Telefon in den Kanal fallen lasse. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s