Schlafen, gezwungener Maßen

In Vorbereitung auf mein letztes Semester googlte ich meine Dozenten. Ich stieß auf ein Video mit Joseph Vogl. „Joseph“, so wurde gefragt, „was ist Glück?“ Joseph atmete hörbar ein, schloß die Augen und antwortete seufzend: „Glück, denke ich, ist Halbschlaf.“ Er bekräftigte das mit erneutem Liderschlag. Im Halbschlaf sei man nicht man selbst, man befinde sich in einem „erfreulichen Zustand der Vorinspiriertheit“. Wie das wohl sein muss, so selbstbewusst auf die Inspiration zu warten, im Wissen, dass sie eintritt. Als ich an einem Sonntag bis drei Uhr nachmittags im Bett dämmerte, wurde mir bewusst, dass Halbschlaf nur glücklich macht, wenn die Inspiration vor der Tür steht. 

Ich gehöre zu einer Generation der Hyper-Bewussten. Wir diskutieren, arbeiten, essen, lachen, trinken und nehmen Drogen wie Leif Randt-Figuren. Wenn wir in den Halbschlaf gleiten, dann ganz bewusst. Sind wir glücklich? Manchmal kommt es mir vor wie eine weitere bewusste Entscheidung. 

Paris war eine Entscheidung. Anstatt zum Bachelorende meine Dozenten zu googlen, hätte ich in seichten Germanistik-Kursen mit einem Haufen deutsch-lernender Französ*innen brilliert, mit einem Kurzreferat über die Weimarer Klassik. Hauptsächlich hätte ich Tage ohne Verpflichtungen genossen, voller Flirts, Käse und Spaziergängen. Paris wären fünf Monate Halbschlaf gewesen. Weite und Unorganisiertheit und überflutende Inspiration, sodass ich gar nicht erst versuchen müsste, einen Überblick zu gewinnen. Mich beleben lassen von der Ungewissheit. Ein halbes Jahr, in dem alles nicht so wichtig gewesen wäre. Abstand von alten und neuen Problemen, meinem Zimmer, dem roten Haus gegenüber, der Nachbarin nebenan, der Bar um die Ecke. Halbschlaf im Wach-Sein, Belebung durch Überforderung. Ein Rahmen, in dem man sich verlieren kann.

Ich verschob Paris. Ich würde warten auf den Halbschlaf, bis zum 18. Januar. Das erweist sich als weise Voraussicht, nun, da Pariser eine schriftliche Berechtigung vorweisen müssen, um im Radius von einem Kilometer das eigene Haus zu umrunden. Die Welt im Trott, ein sich immer enger schließender Kreis an Möglichkeiten. Derweil bleiben wir: wachsam. Organisieren, kritisieren, machen das Beste draus. Jammern nicht, wenn die Situation für uns noch relativ komfortabel ist. Die Überforderung ist passiv. Ohne Cafés, nicht einmal Museen, ist es schwer, noch irgendwo Inspiration zu finden. Es bleibt mir nur zu tun, was ich schon im März tat: Wieder und wieder 15 km in den Grunewald radeln. Keine Lust. Halbschlaf ist nur schön, wenn man ihn braucht, sonst geht die Gleichung nicht auf. 

Falls an Weihnachten die Fallzahlen nicht wieder rasant steigen, hoffe ich naiv, ab dem 18. Januar in Sorbonne-Zoominaren zu sitzen. Doch wenn Paris verfällt, dann würde ich nicht weinen, mich nicht einmal ärgern. Frust ist nicht dienlich in dieser Pandemie. Es geht nicht um Paris. Ein anderer Ort würde es auch tun, ein Monat vielleicht, irgendwo so gar nicht in Deutschland. Ich will, dass die Inspiration mir zufliegt und ich sie nicht suchen muss. 

Kürzlich las ich „Trick-Mirror“ von Jia Tolentino. Neun Essays, die ins Unbewusste eindringen. Tolentino sagt, Schreiben sei ihr genügend Bewusstsein, danach könne sie sich wohlgemut wieder ins Abseits kiffen. Extacy sei wie Frömmigkeit, die Auflösung des Ich im Rausch. 

Vielleicht habe ich Glück im Unglück. Bisher war ich auf der Seite der ewig Nüchternen. Ich könnte es noch einmal mit dem Grunewald versuchen. Ich setze mich ans Wasser, verfalle Rauch und Rausch und warte auf das neue Jahr. Ich gleite in die Vorinspiriertheit, wohl wissend, dass sie irgendwann wieder auftauchen muss.  

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