Über ein Sommergefühl

Während ich in diesem Sommer mit meinem Bruder im flachen Wasser der dänischen Ostseeküste einen Ball mit großem Einsatz fing und zurückschleuderte und mich gleichzeitig mit Bandana und Bikini von außen sah, übersprudelten mich sehr viele Gedanken und Gefühle auf einmal. 

Die Zeiten, in denen ich Spaß am Spielen gefunden hatte, schienen mir lange zurückzuliegen. Überhaupt kann ich mich nicht daran erinnern, beim Ballspielen, Fangen oder Schwimmen mich je groß gehen gelassen zu haben. Ich erinnere mich an ein diffuses Gefühl des Zwangs: Als dürfte und könnte ich nicht raufend und sabbernd um einen Ball ringen und mich johlend ins Wasser fallen lassen. In diesem Urlaub war es anders. Ich spielte Kinderspiele, ich schwamm ewig durchs Meer, paddelte mit meiner Schwester um die Wette und raufte mit beiden Geschwistern, und abends hörten wir alle zusammen Erotik Toy Records und jeder sang für sich mit: „Backstage Paaaaarty, “ und lallend „Sie will mit mir küssen/ Sie will mit mir küssen will mit mir küssen will mit mir küssennnn“. 

Zwei Mädchen, 18 und 23, und ein zehnjähriger Junge. Ich frage mich, welchen Gedanken sie nachhingen. Ich hatte das Gefühl, dass auch meine Schwester meine Gelöstheit befreite, sie, die immer zu mir aufsah und die ich viel mehr bewundere, als sie es vielleicht weiß.

In dieser Woche las ich endlich Nabokovs Lolita. Die Geschichte des Humbert Humbert und seiner geliebten Nymphette Dolores Haze ist traurig, aber in den Beschreibungen der rotzigen Zwölfjährigen fand ich Schönheit und Glück. Ich erkannte ein Mädchen, das ich immer hatte sein wollen, mir aber schon sehr früh nicht erlaubt hatte zu sein. Lo’ ist frech, spielt Tennis und Fangen und liest Comics und redet Unfug und hat eine laufende Nase, liebt klebriges Eis und bunte Süßigkeiten und schert sich scheinbar, anfangs vielleicht wirklich, um nichts. Sie hat sehr viel Freude an schönen Dingen (wie ich). Den seltsamen anti-feministischen Dogmen ihrer Mutter begegnete sie mit Naserümpfen (weniger ich). Ich gehöre zu jenen, die von einem guten Buch und Film so gefangen sind, dass sie eine Weile wie deren Protagonisten durchs Leben tänzeln. Lo’ und mich unterscheidet der gesamte Charakter. Mein schon sehr früh sensibles und eher verkopftes Ich hätte es wohl in keiner Zeit als Kind zu einer solchen Nonchalance gebracht und hätte ich in den 60ern so selbstbewusst auf brave Mädchen-Konventionen gepfiffen. Wohl kaum. Ein Glück, dass ich in den aufgeklärteren 2000ern aufwuchs.

Was mich aber zu einer neuen Überlegung führte: Seit neustem höre ich Rap. Das ist eine neue Welt für mich. Ich höre diese Musik, die mich in einem Lebensgefühl befeuert, das eine 2000ern Mode beflügelt. Ich ziehe mich an, wie die junge Frau aus meinen Kindheitsträumen; nicht mal: die jungen Frauen aus meiner realen Kindheit. Den Frauen und älteren Mädchen, zwischen denen ich mich als Kind bewegte. In meiner Fantasie kleide ich mich wie eine abgemilderte Form der Rapperinnen aus den Videos, die ich mir dieser Tage anschaue: Hohe Schuhe oder sehr, sehr coole Sneaker, Miniröcke, Leggings, enge Jeans, Baggy Jeans. Bauchfreie Tops, knappe Bikinis, Glitzerohrringe, Lipgloss und Kaugummi und natürlich eine süße kleine Baguette-Bag. Ich verfolge Princess Nokia und Cardi B. und Megan Thee Stallion und FKA Twigs. Wenn Princess Nokia in Endlosschleife wiederholt: This girl is a tomboy, this girl is a tomboy, denke ich an Lo’ und schreie lauthals mit, obwohl ich bis jetzt nie ein Tomboy war.

Ich denke an Lo, wenn Princess Nokia, mittlerweile sehr plastic, rappt: I like him, like him too, he ma bae, he ma boo und lasziv ihre Hüften schwingt. 

Das ist Lo’ in Juicy Couture. Lo’, die von keinem Humbert missbraucht wurde. Lo’, die selbstbestimmt Sex haben will. Denn leider ist es so: Zwar kommt es mir vor, als würde ich mit den 2000ern zurück in Spiel und Spaß finden, was, wie mir scheint, ohnehin eine gesellschaftliche Tendenz ist, aber leider bin ich kein Kind mehr. Die Welt und ihre Fragen sind sehr komplex geworden und ich brauche mir nicht vorzumachen, ein schweißtreibendes Spiel im Tennisrock und ein bissiger Kommentar aus einem Hoodie würden mich dem männlichen Blick entziehen oder mich meinen Körper lieben lassen oder mich aus einer Gedankenspirale befreien (manchmal gelingt es). Nichts davon lässt mich zurück in die Kindheit reisen, in der ich mir erlaubt hätte, Tomboy und Puppen-Mädchen gleichermaßen sein zu dürfen. Und trotzdem. In diesen Kleidern und mit dieser Musik im Ohr habe ich das Gefühl, mir etwas zurückholen zu können, was mir irgendwelche diffusen Dogmen verboten hatten. Ich kann ultra feminin sein und im nächsten Moment wieder nicht, kann ein bisschen pöbeln, wenn es sich anbietet; ich kann ein gutes Buch lesen, und Rap hören, und mich in Spielen gehen lassen und über all das nachdenken. 

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