Das Porträt

– Ich glaube wir brauchen hier oben etwas Rot. Vielleicht auch hier unten, so als Umrandung für das Gelb. Ja, ich glaube das brauchen wir. Ich bin sogar sehr sicher, dass wir das brauchen. 

Jonas lachte in sich hinein und weil er wusste, dass Lynn ihn beobachtete, galt sein Lachen auch ihr. 

Lynn saß auf dem Sofa. 

– Was für ein Rot?

Lynn lächelte. Sie lächelte die ganze Zeit. Sie lächelte, obwohl ihre Gedanken mit etwas beschäftigt waren, dass sie zu beunruhigen schien und sie versuchte ein unangenehmes Gefühl mit dem Drang, den Moment zu genießen, in Einklang zu bringen. 

– Dunkelrot. Ein sattes, dunkles Rot. 

– Vielleicht füllst du damit auch diese weißen Schlaufen aus. 

Lynn beugte sich vor und über das Bild, das auf dem Dielenboden lag. Beide betrachteten die gelben Felder und Farbspritzer, breite schwarze Pinselstriche und die weißen Schlaufen, die Jonas auf das dicke Papier gemalt hatte. Keiner von beiden wusste, was sie damit anfangen sollten. Zumindest wusste Lynn es nicht, aber sie versuchte, Jonas’ Intuition nachzuempfinden. Sie wollte ihrem eigenen Blick und ihrem eigenen Sinn für Ästhetik vertrauen. 

– Ich weiß nicht… 

Lynn lehnte sich zurück. Jonas ging zu seinem Schreibtisch. Er nahm eine Flasche rote Farbe und ließ eine dicke Pfütze in eine dreckige blaue Plastikschüssel tropfen. 

– Schwarz oder Blau.

Weil es keine Frage war, antwortete Lynn nicht. Er gab etwas Blau in die Schüssel. Lynn schaute auf die gegenüberliegende weiße Wand, dann durch das Fenster zum Hof. Er kam zurück zum Sofa. Lynn betrachtete ihn, während er die Farben zusammenrührte. 

– Sollen wir Grün dazugeben? 

Er ließ sie in die Schüssel schauen. 

– Vielleicht sollten wir das. 

Sie lächelten einander an. 

Er ging zurück zum Schreibtisch und gab Grün dazu. 

Zuerst füllte er damit die obere rechte Ecke aus, dann umrandete er die gelben Figuren. Lynn beugte sich wieder vor. Sie hielt den Atem an. Er ging einige Schritte zurück. Beide betrachteten das nasse Papier, ihre Köpfe zur linken Schulter geneigt. 

– Versaut. Ist zu dunkel und die Farbe zu dünn. 

Lynn zuckte mit den Schultern. 

– Du hast für solche Dinge kein Gespür. 

Lynn fragte sich, ob sie vielleicht nicht mehr auf dem Sofa sitzen und Jonas beobachten sollte. Sie fragte sich, warum sie beide noch nicht in einer Situation gewesen waren, in der er sich fragen musste, ob er ein Gespür für Dinge hatte. Lynn versuchte, sich ihrer eigenen Werte und Ansichten bewusst zu werden und fragte sich, ob Jonas sich ihrer auch bewusst war. Sie wollte aufstehen, aber entschied sich, sitzen zu bleiben. 

– Egal. Nächstes. 

Er kniete sich wieder auf den Boden, sah sie dann aber an und strich ihr über die Wange. 

– Vielleicht sollte ich dich malen, sagte er. Vielleicht sollte ich ein Porträt von dir malen. 

Lynn lächelte wieder, aber anders, dieses Mal. 

– Lass uns essen, sagte er, legte seine Hand auf ihr Knie und stand auf. 

Er ging in die Küche. Sie hörte ihn den Kühlschrank öffnen. Lynn ging zum Fenster und sah hinunter in den Hof. Dann ging sie ins Bad. Sie schaute sich nicht im Spiegel an. Sie setzte sich auf den Deckel der Toilette und betrachtete das weiße Leinen des Rollos vor dem Fenster. Sie stand wieder auf und beobachtete ihre Hände, während sie sie langsam unter warmem Wasser wusch. Sie beobachtete, wie die Seife an ihnen hinunterrann. Sie trocknete sie ab, bevor sie in den Spiegel schaute. Zuerst betrachtete sich Lynn von vorn, dann drehte sie ihren Kopf nach links, dann nach rechts, um sich im Porträt zu sehen. Sie verlor sich nicht aus den Augen während sie rückwärts zur Tür ging und drehte sich erst kurz davor um und verließ schnell das Bad. Im Wohnzimmer hatte Jonas mit einem neuen Bild begonnen. Sie ging an ihm vorbei in die Küche. 

– Was ist los? Du bist komisch. 

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